am 4. November 2006
in Wuppertal (Wupperwände)
Die stärksten Damen und Herren Deutschlands zu Gast in Wuppertal:
Die Seilkletterzunft hat ihre Meister gekürt!
Seit letztem Wochenende ist es amtlich: Die NRWler haben beim Wettkampfklettern in Deutschland ein ordentliches Wörtchen mitzureden und haben mit Juliane Wurm nicht nur die jüngste deutsche Meisterin aller Zeiten, sondern auch die erste Frau, die für NRW diesen Titel holen konnte! Hut ab!
Doch der Reihe nach: Nach der DM 2004 in Duisburg hatte man es erneut geschafft, die deutschen Titelkämpfe nach NRW zu holen. In der erst ein halbes Jahr zuvor neu eröffneten Kletterhalle „Wupperwände“ gab es alles, was es braucht, um den Meister zu küren: Langes, steiles und abwechslungsreiches Gelände, das interessante Routen erwarten ließ. So mußten die 12 besten Männer und 8 besten Frauen der deutschen Rangliste, die sich für die DM qualifiziert hatten, bei der Routenbesichtigung in der Qualifikation auch ordentlich den Kopf in den Nacken legen, um die 12 Meter überhängende Wand in Augenschein zu nehmen.
Zuerst waren die Damen an der Reihe, um die 4 Finalistinnen zu ermitteln: Unter den 8 Kletterinnen waren gar 4 starke Frauen aus Nordrhein-Westfalen – da sollte es doch zumindest eine ins Finale schaffen – so hofften die anwesenden Zuschauer. In der athletischen Route galt es schon recht früh, eine dynamische Schlüsselstelle zu knacken – zu dynamisch wohl für Irina Mittelman (Köln-Rheinland), die leider wieder einmal an ihrem „alten“ Problem „dynamische Stelle“ scheiterte und als amtierende deutsche Vizemeisterin sicherlich gerne noch mehr gezeigt hätte – dementsprechend enttäuscht war sie über ihren 8. Platz im Gesamtklassement. Der gleichen Stelle zum Opfer fiel auch Luisa Neumärker (SBB), die zumindest noch den Zug ansetzen konnte und mit einer zusätzlichen „+“-Wertung schließlich auf dem 7. Platz landete. Für Katrin Lau (Frankenthal) ging es dann schon deutlich weiter nach oben – allerdings nicht weit genug, denn sie mußte kurz vor dem Topgriff den Flugschein lösen – so blieb für sie nur der 6. Platz. Eine starke Leistung zeigte Saskia Schuster (Köln-Rheinland), deren Formkurve in den letzten Monaten stetig bergauf ging: Sie konnte noch einen Griff weiter als Katrin klettern und sicherte sich damit den 5. Platz – dies bedeutete zwar den undankbaren Platz hinter den Finalistinnen, allerdings war sie damit hoch zufrieden, denn noch vor einem Jahr war ihr Saisonziel gewesen, einmal in ein DSC-Finale zu klettern und nun hatte sie beinahe das Finale der Deutschen Meisterschaft erreicht – bei ihr dürfen wir auf die nächste Saison gespannt sein! Aber NRW hatte ja noch zwei heiße Eisen im Feuer: Sonja Schade (Bielefeld) konnte ihre ganze Routine ausspielen und legte souverän die erste Topbegehung der Qualiroute hin – die Halle tobte – eine NRWlerin war also schon im Finale! Aber auch Juliane Wurm (Dortmund) sicherte sich unter den Anfeuerungen der Zuschauer mit einer Topbegehung ihre Finalteilnahme – rein rechnerisch musste also schon zumindest eine Podiumsplatzierung für NRW herausspringen… Julia Winter (SBB) und Lisa Knoche (Freising) reihten sich dann schließlich ebenfalls mit souveränen Topbegehungen in den erlesenen Kreis der Finalistinnen ein – aber zuerst einmal hiess es warten, bis die Herren ihre besten 6 ermittelt hatten.
Hierfür hatten die Routenbauer eine lange 8a/ 8a+-Route mit tricky Abschlussquerung geschraubt, die schon beim bloßen Besichtigen gesaftete Arme versprach… Aber bereits der erste Starter Friedemann Walther (SBB) konnte bis in die abschließende Querung klettern und mußte sich erst einem falsch belasteten Sloper ergeben. Er hatte gut vorgelegt, denn die nach ihm startenden Gunter Gäbel (SBB- Platz 10) und Maxi Wörner (Kaufbeuren-Platz 11) fielen bereits im unteren Drittel der der Route. Nur Felix Neumärker (SBB) konnte Friedemanns Höhe überklettern, aber auch für ihn war wenige Züge vor der Umlenkung Schluss. Der Freiburger Benjamin Sillman konnte ebenfalls bis in die Querungspassage klettern und bekam die gleiche Wertung wie zuvor Friedemann Walther. Noch war aber nicht klar, was die gekletterte Höhe wert sein würde, denn die Favoriten sollten alle erst noch kommen. Zu diesen konnte man auch den amtierenden deutschen Vizemeister, Markus Jung (Siegen) zählen, der gerade erst ein Wochenende zuvor beim European Youth Cup in Annecy einen hervorragenden 3. Platz erreicht hatte und mit etwas mehr Konstanz im Training und im Wettkampf sicherlich dauerhaft zu den besten Junioren der Welt gehören könnte. Konstanz war leider auch in Wuppertal Markus’ Problem: Er wirkte fahrig und schien nicht in den Kletterfluß zu kommen, so dass er an einem Zug in einen Untergriff, den er schlecht vorbereitete, viel zu früh stürzte – das bedeutete Platz 8 für ihn – bei seiner Form hat er sich definitiv unter Wert verkauft. Ein schwacher Trost: Auch für seinen Jugendkader-Genossen Stefan Danker lief es eher enttäuschend – ihm rutschte der Fuß aus einem Hook – „nur“ Platz 10 für den jungen Landshuter. Tobias Gartmann (Kempten) kam zwar noch einige Züge weiter, allerdings war klar, dass auch seine Höhe nicht für das Finale reichen würde – so blieb für ihn der 9. Platz.
So langsam näherte sich das Teilnehmerfeld den Favoriten - Johannes Lau (Frankenthal), der 2006 wieder in Topform in das nationale Wettkampfgeschehen eingestiegen war, konnte die gleiche Höhe wie zuvor Felix Neumärker erklettern und lag damit auf Finalkurs. Markus Hoppe (SBB) konnte noch eine Schippe drauflegen und scheiterte erst am Zug zum Topgriff. Dieser war aber in der Quali nur den beiden Kemptnern Christian und Andreas Bindhammer vergönnt, die ihre ganze internationale Klasse ausspielten und die Route locker top klettern konnten. So stand die Finalbesetzung fest: Durch eine gleiche Wertung floatete ein 7. Kletterer ins Finale – die Herren Bindhammer im Doppelpack, Hoppe, Neumärker, Lau, Sillmann und Walther durften zu späterer Stunde noch einmal antreten.
Die Halle hatte sich mittlerweile auch einem DM-Finale würdig entsprechend gefüllt, so dass auch der Lautstärkepegel stimmte, als Sonja Schade als erste Finalistin an die Wand durfte. Bis zu einem Rastpunkt in einer kleinen Verschneidung sah es auch noch locker aus für Sonja, aber der anschließende dynamische Zug über die Dachkante wurde ihr zum Verhängnis: Zu sehr auf Sicherheit bedacht, traute sie sich nicht, denn Zug dynamisch anzusetzen und kletterte die Stelle immer wieder neu statisch an. Als sie sich dann endlich doch zum Schnapper entschloß, hatte sie sich platt geschüttelt und konnte den flachen Zielgriff nicht mehr halten – ein unglückliches frühes Aus für sie - Platz 4. Ganz anders lief es danach für Julia Winter die sich sehr sicher bis unter die Umlenkung emporschraubte – erst hier konnte sie einen Untergriff nicht mehr halten – zunächst die Führung für Julia. Danach sollte die amtierende Deutsche Meisterin Lisa Knoche an die Wand kommen – die Spannung stieg spürbar. Aber irgendwie sollte dies nicht der Tag Lisas werden: Zwar konnte sie die Höhe von Sonja locker überklettern, aber bereits im unteren Drittel wirkte Lisa ungewohnt zögerlich und unrund. So gingen ihr auch überraschend früh die Kräfte aus – Platz 3 war ihr aber mit dieser Leistung sicher. Als letzte Starterin und als „Lokalmatadorin“ verließ schließlich Juliane Wurm die Isolation. An diesem Tag passte für sie einfach alles: Sie fightete sich bis in die abschließende Verschneidung, vor der sie vielleicht noch einige Körner mehr als Julia in den Armen hatte, und konnte in der folgenden Querung den von Julia nur berührten Untergriff noch halten: Damit hatte sie sich den ersten Platz gesichert und nach dem Titel der deutschen Bouldermeisterin bei den Damen auch den Titel im Seilklettern geholt! So hatte sie sich nach der etwas enttäuschend verlaufenen Jugend-Weltmeisterschaft zumindest zuhause ein kleines Trostpflaster erklettern können und NRW hatte die erste deutsche Meisterin im Schwierigkeitsklettern! Dementsprechend strahlte die ohnehin schon immer gutgelaunte Juliane den ganzen Abend. Herzlichen Glückwunsch Jule!!
Aber es gab ja noch einen Meister zu küren: Die Herren durften auch noch klettern und die 8b-Finalroute hatte es in sich: Bereits im unteren Teil eine harte Boulderstelle und die Ausstiegsplatte sah überaus garstig aus – ob hier überhaupt jemand hochkommen sollte??
Wie hart die Boulderstelle im unteren Drittel war, zeigte sich gleich bei den ersten beiden Startern: Sowohl Friedemann Walther als auch Benjamin Sillmann wurden bereits hier auf die Reise nach unten geschickt. Zumindest konnte Benjamin einen Griff noch kurz halten, so dass er knapp vor Friedemann 6. wurde. Dann durfte Felix Neumärker an die Wand und auch er schien sich wie zuvor schon Juliane bei den Damen für seine vermurkste Jugend-WM revanchieren zu wollen: Mit unglaublichem Biss kämpfte er sich Griff um Griff höher, und das obwohl er, wie er später meinte, ab der Hälfte der Route bereits total zugelaufen war. Er konnte gar bis über die Dachkante vor der Ausstiegsplatte klettern, bevor er völlig ausgepumpt abfiel. Hier war sofort klar, dass Felix eine Tophöhe erklettert hatte und sich auch die Favoriten hierfür die Kletterschläppchen ordentlich zuschnüren würden müssen…Hut ab, Felix!! So war es dann auch, denn sowohl Johannes Lau (5.), Markus Hoppe (4.) als auch Christian Bindhammer (3.), der sichtlich Probleme in der Route hatte und vor dem Abschlußdach zu weit in eine Verschneidung kletterte und nicht mehr zurück in die Route fand, mußten deutlich unter Felix die Segel streichen. So konnte nur noch Andreas Bindhammer als letzter Starter Felix den Titel streitig machen. Die Spannung war greifbar und die beiden Bundesjugendtrainer Gunter Gäbel und Matthias Keller hätten beim Zusehen wegen schweissnassen Fingern einen Chalkbag gebraucht – zwei deutsche Meister aus den Reihen des Jugendkaders – das wäre der Hammer! Aber der Bindhammer stand diesem Doppelerfolg noch im Wege: Im gewohnten Zeitlupen-Style schraubte sich Andreas durch die Route und kam ebenfalls ins Abschlußdach als erste Zeichen der Erschöpfung zu erkennen waren: Aber ein alter Hase weiß, wie man fightet und Andi fing sich zweimal an einem Volumen im Dach wieder ab und konnte sogar noch einen halben Zug weiter als Felix klettern. Damit hatte sich Andi knapp vor Felix den Meistertitel gesichert und die Deutschen Meister 2006 standen fest! Auch Andreas einen herzlichen Glückwunsch!
Im Anschluß an die Siegerehrung wurde die Kletterhalle noch zur Dancehall umfunktioniert und die übriggebliebenen Zuschauer und Kletterer konnten zu den Klängen der Köln/Bonner Ska- und Reggae-Kapelle „LebensWeGe“ noch etwas hotsteppen …
So gingen die Meisterschaften 2006 aus NRW-Sicht überaus erfolgreich zu Ende, aber nicht nur das veranlasste die anwesenden Zuschauer, Kletterer und Ofiziellen von einer durch und durch gelungenen Veranstaltung zu sprechen – viele sprachen gar von den besten deutschen Meisterschaften seit vielen Jahren. In der Tat gab es nichts zu meckern: Die Wettkampfrouten waren top- hier hatten die Routenbauer Maxi Klaus und Uli Theinert ganze Arbeit geleistet – und das, obwohl sich sich Uli beim Verschieben der Hebebühne die Schulter ausgekugelt hatte und danach zum Züge-Testen nicht mehr in der Lage war – hier stand gottseidank der schnell angefunkte Tim Baumann noch helfend zur Seite. Ein großes Lob auch an das Schiedsgericht, die DAV-Offiziellen und alle Helfer, die für einen schnellen und reibungslosen Ablauf 100% nach Zeitplan sorgten.
Besonders erwähnenswert ist auch das Engagement der Hallenbetreiber Christian Koppenol und Arndt Wilmanns, die mit ihrer Unterstützung und dem Commitment zum Wettkampfklettern einen großen Beitrag zu gelungenen Meisterschaften geleistet haben – die Wupperwände können mit diesem Engagement und den vorhandenen Möglichkeiten nicht nur für den Nordwesten zu einem wirklichen Leistungsstützpunkt im Sport- und Wettkampfklettern werden.
Man darf jetzt schon auf die kommende Wettkampfsaison 2007 gespannt sein!
Matthias "Clipstick" Keller
Weitere Informationen zur Deutschen Meisterschaft 2006 unter:
www.alpenverein.de
www.wupperwaende.de
www.climbing.de
www.mountains2b.de

letztes Upload: 06.11.2006

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